Was die Software symptom & sense – vom Krankheitszeichen zum Krankheitssinn – kann bzw. nicht kann:

Artikel 1.: Fehler der homöopathischen Erhebung als limitierende Einflüsse bzw. das Organon kann nicht außer Kraft gesetzt werden:

In beiden Artikeln geht es um die homöopathische Verschreibungstechnik, die mit Hilfe der  Software symptom & sense verbessert wird, und es geht leider auch um die Grenzen, die nicht überschritten werden können.

Bevor ich mit den Ausführungen beginne, gehe ich für jene Leser, die weder meine Arbeit noch ihr jüngstes Resultat, die Software symptom & sense, kennen, kurz auf deren Hintergrund ein.

Ausgehend von der symbolischen Medizin beschäftige ich mich seit etwa 15 Jahren mit der Bedeutung von Symptomen. Ich begann mit Rüdiger Dahlke leitete dann aber die Symptomenbedeutungen aus den homöopathischen Rubriken ab. In den jeweiligen Symptomenrubriken des Repertoriums stehen ja  die Mittel, die im Arzneimitteltest dieses Symptom hervorgerufen haben. Das diesen Mitteln thematisch Gemeinsame muss daher die Bedeutung des Symptoms sein. Dazu muss man aber die Mittel kennen. Diese Arbeit habe ich in der Materia medica der Motive geleistet. Ich hab dieses Analyseverfahren natürlich im Buch „Menschliche Signaturen (2007)“, in Vorträgen und auch einigen Artikeln, der letzte war in der Homöopathie Zeitschrift, Nov. 2013, beschrieben. Sollte Interesse bestehen, bin ich gerne bereit, einen Beitrag über die methodischen Hintergründe zu schreiben (ist natürlich wie auch dieser Artikel ein bisschen umfangreich). Dass die Ergebnisse von mir über Jahre in der Praxis überprüft worden waren und werden, versteht sich von selbst. Summa summarum gehe ich davon aus, dass der Körper über Symptome zu uns spricht, eine Krankheitssymptomatik also eine Erzählung über unsere Befindlichkeit und ihre Gründe ist. Die Software symptom & sense hilft diese Erzählung zu verstehen.  Ein Verständnis der Krankheitsbotschaft nützt daher nicht nur Homöopathen, es kann auch anderen Disziplinen wertvolle Aufschlüsse geben.

Vor kurzer Zeit habe ich mich in diesem Zusammenhang mit dem, was symptom & sense kann oder eben nicht kann, mit der Familienaufstellung und den dabei erscheinenden Interpretationsproblemen befasst, hier nun soll es um die Homöopathie und die Grenzen dessen gehen, was die Software hier leisten kann. Fazit, es handelt es sich nicht nur um spezifische, allein mein Verfahren betreffende sondern um generelle homöopathische Verschreibungsprobleme.

  1. Fehler der homöopathischen Erhebung als limitierende Einflüsse:

Im Grunde handelt es sich um die mangelnde Qualität der Patientenbefragung.

 

Die Software symptom & sense bietet dem homöopathischen Anwender ein verbessertes Hierarchisierungsverfahren. Bei der Hierarchisierung handelt es sich um eine Empfehlung der  Symptomenauswahl für die Repertorisation:  an erster Stelle der traditionellen Hierarchisierung  stehen die Gemütssymptome, es folgen Allgemeinsymptome, Abneigung, Begierden und zuletzt die Lokalsymptome.

Naturgemäß stellt sich nun die Frage, ob die Software mit Hahnemanns Organon, in dem ja das Reglement der Homöopathie im Rahmen von 291 Paragraphen festgelegt ist, vereinbar ist.

  1. Hahnemann geht bei seiner Krankheitstheorie von der Existenz einer Lebenskraft aus. Das ist bei meiner Krankheitstheorie nicht anders, ich betrachte Lebenskraft jedoch als Produkt einer immateriellen Welt, die aus Energie und Information besteht. S. Hahnemann dachte nicht immateriell, allerdings kommt er im § 15 seines Organon dieser Auffassung nahe.
  • 15 bedeutet zusammengefasst, Leib und Seele sind eins.

Der originale Wortlaut des Organon ist etwas verschachtelt, ich gebe ihn hier dennoch wieder.

  • 15 Das Leiden der krankhaft verstimmten, geistartigen, unsern Körper belebenden Dynamis (Lebenskraft) im unsichtbaren Innern und der Inbegriff der von ihr im Organism veranstalteten, äußerlich wahrnehmbaren, das vorhandene Uebel darstellenden Symptome, bilden nämlich ein Ganzes, sind Eins und Dasselbe. Wohl ist der Organism materielles Werkzeug zum Leben, aber ohne Belebung von der instinktartig fühlenden und ordnenden Dynamis so wenig denkbar, als Lebenskraft ohne Organism; folglich machen beide eine Einheit aus, obgleich wir in Gedanken diese Einheit, der leichteren Begreiflichkeit wegen in zwei Begriffe spalten.

Ich stimme dem naturgemäß zu, gehe hingegen der theoretischen Physik folgend einen radikalen Schritt weiter: es gibt keine Materie, die aus festen Teilchen besteht (nach Brian GREENE, er ist Physiker und Professor an der Columbia Universität in New York, Buch, Das elegante Universum, BTV-Verlag St. 176):  B. Greene meint, dass das Wort Teilchen nur der historischen Tradition folgt – ich zitiere wörtlich – dass Teilchen nur wie Elementarteilchen erscheinen, tatsächlich aber winzige schwingende Strings sind.

Alles, was schwingt, trägt Information und braucht eine energetische Quelle. Dies ist der Grund, warum ich  die beiden Begriffen, Energie und Information, verwende und warum ich sie dem Wandel der Zeit folgend an die Stelle von Lebenskraft (§ 148) setze (siehe dazu meine Homepage zippermayr-homoeopathie: Jenseits der Messbarkeit: die Philosophie von symptom & sense).

Ob also symptom & sense Hahnemanns Paragraphen folgt, liegt in der Hand des Anwenders und nicht in der Software. Eine Ausnahme ist vielleicht § 153. Dabei handelt es sich um Probleme, die sich bei der Fallaufnahme ergeben und vor allem die Objektivität des Untersuchers betreffen:

  • Problem der Auffindung geeigneter Symptome für die Repertorisation: ich beginne mit dem oben erwähnten 153. Er lautet: zur Findung der Arznei fasse man die auffälligen, sonderlichen, ungewöhnlichen und charakteristischen Zeichen und Symptome ins Auge. Diese Empfehlung leidet unter der Tatsache, dass jeder getreu seiner Persönlichkeit etwas anderes als ungewöhnlich bewerten wird. Es ist eine Folge des Umstands, dass das miteinander Kommunizieren der Menschen auf subjektivierenden Mechanismen beruht. Wir versetzen uns stets in den anderen hinein. Unsere Wahrnehmung und die daraus entspringenden Emotionen bestimmen unsere Schlussfolgerungen.

Die Software symptom & sense wurde bei ihrer Entwicklung von der Absicht getragen, den Therapeuten „aus dem Patienten möglichst herauszuhalten“, also zu vermeiden, dass er sich durch seine unvermeidlich subjektive, von eigenen Erfahrungen ausgehende Wahrnehmung  in ihm spiegelt.

Genau aus diesem Grund sehe ich bei mindestens der Hälfte der Gemütssymptome als problematisch an. Sehr vieles unterliegt hier einem interpretierenden Sprachgebrauch. Dies gilt naturgemäß nicht für alle.

Ängste vor Hunden, Höhe usw. sind eindeutig als solche festzumachen (allerdings gilt auch hier die Einschränkung, soweit es auch kleinere Hunde, niedrigere Höhen usw. betrifft! Wo beginnt „kleinere“ oder „niedrigere“?). Ob jemand zurückhaltend oder grob ist, unterliegt der persönlichen Einschätzung und diese wiederum der Persönlichkeit der oder des Einschätzenden. Selbst bei Liebeskummer ist es nicht sicher, ob es Eifersucht, verletzter Stolz oder anderes ist, usw..

  1. Hahnemann meint im § 211 des Organon, in dem er auf die Kriterien der Arzneiwahl eingeht, dass hier primär Gemütszustände, also Gemütssymptome, ausschlaggebend seien. Das meine ich auch, aber die Symptome müssen frei von interpretierenden Einschätzungen des Untersuchers sein. Deshalb bevorzugt die Software symptom & sense diejenigen Gemütssymptome, die nicht interpretiert werden müssen, und naturgemäß die Körpersymptome, die sehr viel weniger den Gefahren einer unterstellenden Interpretation ausgesetzt sind.

Das ist bei Symptomenmangel nicht durchzuhalten. Es gibt Fälle, Hahnemann bezeichnet sie als einseitig, da muss man auch im obigen Sinn „gefährliche“ Gemütssymptome verwenden, sollte das aber wissen. Bei symptom & sense sind gefährliche  Gemütssymptome zuerst vom Anwender als sicher zu qualifizieren, ehe sie ganz normal in die Auswertung übernommen werden.

  • Problem der Hierarchisierung von Symptomen: Hier wartet symptom & sense mit einem Fortschritt auf. Ich hatte oben bereits die traditionelle Reihung – Gemütssymptome bis Lokalsymptome – erwähnt. Die Software wertet jedoch nicht einzelne Symptome sondern Symptomenpaare aus. Bei der Paarbildung folgt sie meiner Das heißt, wenn Symptome eine Bedeutung haben, gehe ich davon aus, dass Krankheit ein unlösbarer Widerspruch ist. Somit ist der Sprache der Symptome eine Widerspruchsgrammatik zugrunde gelegt.

Ich verweise hier auf mein Youtube Video, der Fall Napoleon:

https://www.youtube.com/watch?v=Ik3TUYgb9xI

Wenn also chronische Krankheiten Folge innerer innerer Widersprüche sind, müssen sich diese Widersprüche in widersprüchlichen Symptomen spiegeln.  Jede Auswertung sollte üblicherweise mehrere Symptomenpaare dieser Art ergeben.

Die Reihung der Paare erfolgt bei symptom & sense den Keimblattebenen. Der Schweregrad eines Symptoms ist somit durch das Keimblatt, auf dem es sich befindet, bestimmt. Das sind der Reihe nach Ekto-, Endo- und Mesoderm, dann folgt das ZNS und zuletzt die Zelle selbst. Die miasmatische Reihung im Hahnemannschen Sinn – 1. Psora, 2. Sykose, 3. Syphilinie – erfolgt erst auf der jeweiligen Keimblattebene.

Die Idee zu dieser Reihung stammt nicht von mir sondern von dem indischen Homöopathen

  1. Vijayakar. Auch er beschränkt sich auf drei Miasmen. Bei der Differenzierung nach psorisch, sykotisch oder syphilitisch folge ich jedoch nur bedingt der Tradition Hahnemanns oder Allens , indem ich die psychischen Aspekten der Miasmen für die Zuordnung verwende.

Psora repräsentiert dabei im Wesentlichen das Anspruchsdenken, Sykose die Hinnahme abgelehnter sozialer Pflichten und Syphilinie die Frage, mit welchen Mitteln man sich soziale Präsenz verschafft.

Wenn Krankheit ein unlösbarer Widerspruch ist, könnte man Hahnemanns Miasmenbegriff durch diese Widersprüchlichkeit ersetzen und festlegen, ob sie psorische,  sykotische oder syphilitische Züge trägt.

Diese Form der Symptomenreihung nach Schwere ist also nicht beliebig. Sie hilft, schwere und leichte Fälle nicht über einen Kamm zu scheren, folgt somit § 165, in dem Hahnemann sagt, mit banalen Symptomenübereinstimmungen kann man keinen Kurerfolg erwarten. Es geht also darum, dass man schwere Fälle nicht auf der Stufe banaler Symptome verstehen und heilen kann.

  • Problem der Fallaufnahme: Hier gelten alle Regeln S. Hahnemanns, z. B.: alles nur Vermutete ist auszuschließen (§ 144). Das gilt nicht nur für die Arzneimittelprüfung sondern auch für die Befragung:

mit der Gewissenhaftigkeit der Fallaufnahme steht und fällt die Qualität der homöopathischen Analyse (§ 99: die Befragung braucht große Erfahrung und Geduld).

Dies alles gilt auch für die Software, symptom & sense. Die mit ihr erzielten Ergebnisse werden in ihrer Qualität durch einen oberflächlichen Anwender auf die Oberfläche des Beschwerdebildes verlagert. Allerdings, das Programm zeigt Unschärfen auf. Das Resultat wird in der Auswertung meist als nicht eindeutig angezeigt, sie “flimmert“.

Werden also wichtige Symptome und kausale Zusammenhänge übersehen oder falsch interpretiert, kann das Ergebnis der Computerauswertung diese Vorgangsweise nicht korrigieren.

  • Problem der Symptomensicherheit: Die Symptome müssen sicher sein. Das ist eine zentrale Schwierigkeit, die nicht nur die interpretationslastigen Gemütssymptome sondern auch die Körpersymptome und hier vor allem ihre Modalitäten betrifft. Bei schwammiger Auskunftslage – meist liegt das nicht am Therapeuten – kommt auch die Softwareanalyse ins Schwimmen.

Seien Sie achtsam z.B. bei Begriffen wie plötzlich. Natürlich kann es sein, dass eine Beschwerde plötzlich erscheint. Wenn sie sogar noch plötzlich verschwindet, ist der Begriff doppelt abgesichert und zu verwenden. Wichtiger aber noch ist die Frage, ab welchem Ereignis begann die Beschwerde „plötzlich“ zu erscheinen. Dann ist nämlich das besagte Ereignis kausal und die Beschwerde auf dieses zu beziehen.

Einige weitere Beispiele dieser Art sind: man darf den Vorgang des Hinlegens nicht mit Liegen verwechseln, es macht einen Unterschied, ob sich ein Symptom nur beim Hinlegen oder im Liegen verschlimmert, umgekehrt ist es nicht das Gleiche, ob sich ein Symptom beim Aufrichten, Aufsetzen oder im Sitzen oder Stehen verschlechtert, ebenso ist es nicht das Selbe, ob ein Zustand beim Erwachen nachts oder Erwachen morgens schlimmer ist.

All diese Einflüsse sind in S. Hahnemanns Organon beschrieben. Im nächsten Artikel wird es um die Mängel des Repertoriums gehen, die ebenfalls limitierenden Einfluss auf jede Form der homöopathischen Analyse, also auch der Software symptom & sense haben. Allerdings, wenn man bei der Fallaufnahme mit Hilfe der Paragraphen  S. Hahnemanns über persönlichen Einsatz, Gewissenhaftigkeit noch positiven Einfluss auf das Resultat nehmen kann, ist dies beim Repertorium  leider nur mehr bedingt möglich.

Artikel  2. Mängel, Fehler, Strukturprobleme  homöopathischer Repertorien  bzw. Orientierungsprobleme im Repertorium können nicht kompensiert werden:

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